Leseprobe aus:

Ulrich Neuenschwander / Werner Zager,
Gott denken angesichts des Atheismus

Die Ambivalenz der Welt und die dunkle Seite an Gott, wie er uns erscheint, machen die Eindeutigkeit des Glaubens schwierig. Sie treten im Glaubensakt als Zweifel, als Anfechtung auf. So wie die Dinge liegen, zwingt uns die Redlichkeit, das anzuerkennen. Es wäre ein ideologischer Glaubensbegriff, wenn wir den Glauben ohne Zweifel fordern wollten. Von diesem Glaubensbegriff aus, der in den Kirchen oft weit verbreitet war, erscheint der Zweifel als Sünde, demgegenüber der zweifelsfreie Glaube als besondere Leistung. Dadurch wird der Zweifel nicht überwunden, sondern nur unterdrückt und verdrängt. Der eigene heimliche Zweifel, der uns im Zweifeln des anderen begegnet, wird dann mit besonderer Aggression im anderen verfolgt. Hier ist eine Wurzel der fanatischen Ketzer- und Zweiflerverfolgung.

Der Zweifel ist nicht als Sünde zu verstehen, sondern als ein Element des Glaubensaktes, das darauf beruht, dass der Glaube sich in der Problematik der Welt gestaltet, die an sich auch Unglauben als möglich erscheinen ließe. Der Zweifel ist freilich unangenehm, indem er den Glauben in die Schwebe bringt. Aber das ist immer noch weit besser als die Unehrlichkeit des angeblich zweifellosen Glaubens, der ebenso eine Chimäre ist wie die Chimäre des angeblich hundertprozentig tugendhaften Lebens und Denkens.