Leseprobe aus:

 

Rudolf Bultmann / Günther Bornkamm
Briefwechsel 1926–1976

Hrsg. von Werner Zager

 

 

Leseprobe aus Bornkamm-Brief (Nr. 34):

Bornkamm / Bethel, 11. Januar 1938

 

Lieber Herr Professor! 

Seit unserm Besuch im September bei Ihnen habe ich mich noch nicht wieder gemeldet. Mancherlei äußere und innere Gründe sind daran schuld, letztere, sofern ich seit langem vieles gern mit Ihnen besprechen würde, was die eigene Arbeit betrifft, aber die Fragen und Anliegen nehmen nicht genügend feste Gestalt an und die ausreichende Gelegenheit fehlte für ausführliche Expektorationen. Sie sollen daraus nur erkennen, daß ich die Brücken nach Marburg nicht abgerissen habe, sondern sie – manchmal täglich – in Gedanken zu schlagen suchte.

Zunächst will ich Ihnen noch erzählen, was Sie wahrscheinlich durch Herrn von Soden schon gehört haben, daß mir vor Weihnachten nun endlich auch die venia entzogen ist, unter Berufung auf § 18 der Reichshab[ilitations-]Ordnung, dessen Wortlaut ich noch nicht ermitteln konnte. Daß mir Gumbinnen den Hals gebrochen hat, ist ja nicht zweifelhaft, so ist mir die Formulierung der Begründung verhältnismäßig gleichgültig. Ich bin froh, daß ich rechtzeitig in die hiesige Arbeit eintreten konnte und nehme diesen Ausgang als eine Bestätigung der vor einem Jahr getroffenen Entscheidung. Schmerzlich ist mir vor allem das Schicksal Schniewinds, das ja wohl in diesen Tagen besiegelt werden wird. M. W. bereut er den Weg nach Gumbinnen ebenso wenig, wie ich es tue. /2/

Bisher haben wir ungestört arbeiten können. Die vorübergehende u. sofort wieder rückgängig gemachte Schließung der Schule war nur ein Anlaß, nun umso eifriger die noch verfügbare Zeit auszunutzen und die Arbeit als ein gar nicht selbstverständliches Geschenk hinzunehmen. Die Arbeitslast geht freilich auch in diesem Semester an den Rand des Möglichen. Ich lese zwar wieder I Kor[inther], habe mit der regelmäßigen Durcharbeitung der Vorlesung aber reichlich zu tun. Dann das Hauptseminar über den II Ko­r[intherbrief], eine kleine Übung über apostol[ische] Väter mit einem Kreis eifriger und tüchtiger Leute, bei der sogar einige rituelle Überlieferungen der von mir oft sehnlich erinnerten Graeca wieder aufleben; wir lesen noch den I Clem[ensbrief] und hoffen noch zu ein oder zwei Ignatiusbriefen zu kommen. Freitag abend – ebenfalls in kleinerem Kreis – eine Sozietät mit Schlink u. Herntrich zusammen über das Abendmahl, bei der augenblicklich die neutest[amentlichen] Fragen zur Verhandlung stehen, nachdem Schlink in den ersten 5 Sitzungen eine ausgezeichnete Durcharbeitung der lu­th[erischen] u. reformierten Abendmahlslehre leitete. Montag abends eine Bibelstunde über ausgewählte Texte der Offenbarung. Da wir ja alle gleichzeitig Pastoren der Bethel-Anstalten sind, muß ich alle 14 Tage predigen, meist in meinem Krankenhaus, in größerem Abstand in der Kirche der Gemeinde. Aber ich möchte auf diese Arbeit schon nicht mehr verzichten; sie ist einem selbst ein schwerer, heilsamer und kräftigender Unterricht, daß ich davon auch eine Wirkung für die Arbeit der Schule erhoffe. Da ich die Besuche bei den Kranken auf den Sonntag beschränken kann, darf ich auch über ein Übermaß an geistlicher Beanspruchung nicht klagen. Mein Krankenhaus Nebo ist das männliche Anstaltskrankenhaus, in das die Leute aus den verschiedensten Zweigen des Ganzen zur Behandlung akuter Erkrankungen kommen: Epileptiker in leichten und schweren Stadien, Geisteskranke, Psychopathen und sonstige gescheiterte /3/ Existenzen, Wanderer von der Landstraße und Fürsorgezöglinge, in der letzten Zeit sehr viel Sterilisierte nach der Operation, meist etwa 60–70 Kranke im Haus, alle zusammen, für viele die letzte Station, – das Haus trägt nicht umsonst seinen Namen. Was das an Schicksalen, Not, Anfechtung, aber oft auch an Zuversicht, Geduld und Freude umschließt, ist gar nicht zu sagen. –

Unsere Studentenschaft ist noch einmal gestiegen; wir haben jetzt sogar Berlin überflügelt und stehen an 4. Stelle nach Tübingen, Erlangen und Leipzig. Im Ganzen freue ich mich über die zunehmende Intensität und Reife der Arbeit der Studenten, an kirchenpolitischer Unruhe wird ihnen hier nichts geboten, sie haben Zeit und scheinen sie im Ganzen auch erfreulich zu nutzen. So hoffe ich, daß der bedrückende Hiatus zwischen persönlicher Einsatzbereitschaft und sachlicher Ignoranz, der den Kirchenkampf-Studenten kennzeichnete, allmählich verschwindet. Für das Niveau der Arbeit scheint Schlink das Meiste zu leisten, er ist ebenso gefürchtet, wie geschätzt; ich erwarte auch wissenschaftlich das Meiste von ihm. Ich hoffe, daß Sie ihn bald noch einmal gründlicher kennen lernen, als bei unserer Begegnung im September. [....]

 

Leseprobe aus Bultmann-Brief (Nr. 106)

Bultmann / Marburg, 17. Februar 1957

 

Lieber Herr Bornkamm!

Endlich bin ich dazu gekommen, Ihr Jesus-Buch vollständig zu lesen, u. nachdem ich mir vorgenommen hatte, Ihnen am heutigen Sonntag darüber zu schreiben, kam Ihr Aufsatz über Herrenmahl u. Kirche bei Paulus, auf den ich nun den Sonntag-Nachmittag verwendet habe. Jetzt geht es gegen Abend, u. ich weiß nicht, ob ich meinen Brief heute noch beenden werde, will aber wenigstens beginnen.

In der Wissenschaft gilt der Satz nicht: „Der Jünger ist nicht über dem Meister“ (so zitieren Sie S. 133; ich sage lieber: „der Schüler ist nicht über dem Lehrer“). Im Gegenteil! U. ich freue mich, daß das Gegenteil durch Ihr Jesus-Buch bestätigt wird. Als ich mein Jesus-Buch geschrieben hatte, sagte mein Freund P[aul] Friedländer zu mir, ich müsse (nachdem ich nur die Verkündigung Jesu dargestellt habe) jetzt auch ein Buch „die Gestalt Jesu“ schreiben, worauf ich erwiderte, das könne ich nicht. Das haben Sie nun vollbracht, wenngleich vielleicht nicht ganz in Friedländers Sinn, der „Gestalt“ /2/ im Sinne Stephan [sic] Georges verstand. Aber was Ihr Buch auszeichnet, ist m. E. dies, daß Sie den Charakter der Verkündigung Jesu als Anrede sehr viel besser herausgebracht haben als ich, als Wort der Person Jesu an Personen gerichtet.

Dazu kommt nun Vieles Schöne u. Richtige im Einzelnen, was ich nicht aufzählen kann. Ich will nur das betonen, was ich das Pädagogische nennen möchte. Sie leiten den Leser zum Verständnis an – u. damit auch zur Kritik gegenüber der Tradition – sowohl im Einzelnen, wie bes[onders] in dem einleitenden Kap[itel] über Glaube u. Geschichte in den Evangelien (auch in den Exkursen). Eine sehr gute Einführung in das Verständnis ist auch das 2. Kap[itel] über Zeit u. Umwelt. Das 3. Kap[itel] dürfte etwa die [sic] Friedländersche Forderung, die „Gestalt“ Jesu zu sehen entsprechen. – Kurz: Ihr Buch ist ausgezeichnet, u. ich zweifle nicht, daß es eine Aufgabe erfüllt u. wirksam werden wird. Frau Irmgard Feussner, jetzt Direktorin in Giessen, an die Sie sich gewiß erinnern werden, äußerte sich sehr erfreut u. dankbar über die Bedeutung des Buches für Lehrer u. Lehrerinnen.

Daß ich auch einige kritische Fragen habe, wird Sie nicht wundern, auch /3/ wenn ich im Ganzen mit Ihrer Darstellung einverstanden u. vielfach belehrt worden bin. Das (mir) Wichtigste ist, daß Sie den in Jesu Auftreten verborgenen Anfang der Gottesherrschaft m. E. zu stark betonen, so sehr ich etwa der Formulierung S. 74 vom Ereigniswerden der Liebe des Vaters in Jesu Tat u. Wort zustimme. Aber an dem ersten Satz, mit dem der Abschnitt „Die Verborgenheit der Gottesherrschaft“ S. 62 beginnt: „Die Herrschaft Gottes ist verborgen u. will in ihrer Verborgenheit geglaubt u. verstanden werden“, nehme ich doch Anstoß; wie ich denn auch nicht glaube, daß man sagen darf: die Gleichnisse enthalten ein Geheimnis, u. zwar das des verborgenen Anbruchs des Gottesreiches selbst (S. 64). Ist der Satz (S. 156): „In ihm selbst wird der Anbruch der Gottesherrschaft Ereignis“ nicht ein Satz, den die glaubende Gemeinde spricht, u. in dem der „existentiale“ Sinn der eschatolog[ischen] basileia t[ou] th[eou] (im Originaldruck stehen hier griechische Schriftzeichen) zwar treffend wiedergegeben wird, der aber nicht dem eschatolog[ischen] Denken Jesu entspricht? (Ihre Interpr[etation] von Lk 17,20f. (S. 62) kann ich nicht für richtig halten.) [...]