Leseprobe aus:

 

Tod und ewiges Leben

Hrsg. von Werner Zager

 

Aus dem Beitrag „Vollendung als ‚unsagbares Geheimnis‘“

 

Resümee

Nach diesem Überblick über das Verständnis von Tod und ewigem Leben in der neueren Theologie anhand ausgewählter Positionen möchte ich in Form eines Resümees einige Entwicklungslinien aufzeigen und sich aufdrängende Fragen benennen.

1.   Vom Lehrgebäude der altprotestantischen Orthodoxie bleibt in der neueren – speziell evangelischen – Theologie kaum ein Stein auf dem an­deren. Der Tod gilt nicht mehr länger als Folge des Sündenfalls. Von der Vorstellung einer unsterblichen Seele hat man sich verabschiedet. Ein Jüngstes Gericht am Ende der Weltgeschichte ist fraglich geworden; man bringt es dagegen meist mit Sterben und Tod des einzelnen Menschen in Verbindung. Probleme bereitet den Theologen in der Moderne insbesondere ein doppelter Ausgang des Gerichts, weshalb sie eher zur Lehre von der Allversöhnung tendieren. Und auf dogmatische Aussagen über Weltende und Weltvollendung wird in der Regel verzichtet.

2.   All diese Umbrüche erklären sich weithin als Reaktionen auf das durch Naturwissenschaft und Technik revolutionierte Weltbild, in dem kein Platz für jenseitige Seligkeits- und Straforte ist.

3.   Die überkommene dualistische Anthropologie wird durch eine ganzheitliche Sicht des Menschen abgelöst. Sofern eine Vollendung nach dem Tod erhofft wird, gilt diese dem ganzen Menschen in seiner geistigen, seelischen und leiblichen Dimension.

4.   Wenn das Jüngste Gericht als ein Ereignis außerhalb der Zeit auf den jeweiligen Tod eines Menschen folgt, welche Bedeutung kommt dann der Menschheitsgeschichte zu?

5.   Von apokalyptischen Schilderungen des Weltendes, die mit als irrig sich erwiesener Naherwartung zusammenhängen, hat sich die neuere Theologie zu Recht distanziert. Jedoch wird damit häufig auch die Frage einer Weltvollendung ausgeblendet. Müsste hier nicht vonseiten der Theologie das Gespräch mit der Naturwissenschaft gesucht werden? Oder sind deren Ergebnisse und Theorien für den christlichen Glauben nicht relevant?

6.   Die mit dem Evangelium begründeten Vorbehalte der neueren Theologie gegenüber der Vorstellung einer ewigen Höllenstrafe sind zwar nachvollziehbar. Jedoch statt eine Allversöhnung zu lehren, ist es da nicht dem biblischen Gerichtsgedanken angemessener anzunehmen, dass Menschen sich durch ihr Verhalten selbst vom ewigen Leben ausschließen und damit dem Vergessen anheimfallen?

7.   All unser Reden vom ewigen Leben ist letztlich inadäquat und bestenfalls symbolisch. Um mit Karl Rahner (1904–1984) zu sprechen, die absolute Vollendung bleibt das Geheimnis, »das wir schweigend, und aus allen Bildern gleichsam ins Unsagbare hinaustretend, zu verehren haben«.