Leseprobe aus:

 

David Friedrich Strauß,
Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet

 

 

Das 1835 in zwei Bänden publizierte Werk „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ von David Friedrich Strauss (27.1.1808 - 8.2.1874) löste bei seinem Erscheinen ein regelrechtes Erdbeben innerhalb der theologischen Fachwelt aus, machte doch Strauß bei der Analyse der Evangelienüberlieferung mit der historischen Kritik kompromisslos Ernst. So führte er den Nachweis, dass viele Stoffe der Evangelien nicht auf geschichtlichen Tatsachen beruhen, sondern einen mythischen Hintergrund haben.

Bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung des ersten Bandes des „Leben Jesu“ wurde Strauß auf Betreiben des Stiftsvorstehers Steudel seines Amtes enthoben und auf eine Gymnasialprofessorenstelle in Ludwigsburg versetzt. Jedoch gestattete ihm das königliche Ministerium des Kirchen- und Schulwesens, den zweiten Band noch in Tübingen wegen der Benutzung der dortigen Bibliotheken abschließen zu dürfen. Angesichts der Flut vernichtender Rezensionen gab Strauß nach nur wenigen Monaten seine Schulstelle auf und zog sich nach Stuttgart zurück, wo er seine „Streitschriften zur Verteidigung meiner Schrift über das Leben Jesu und zur Charakteristik der gegenwärtigen Theologie“ verfasste. Unter seiner Verfemung leidend, machte Strauß in der dritten Auflage von 1838/39 seinen Gegnern weitreichende Zugeständnisse. In diese Zeit fällt die Berufung auf die Dogmatikprofessur am 2. Februar 1839 nach Zürich. Doch bereits am 18. März 1839 versetzte die Zürcher Kantonsregierung aufgrund der Proteste der Orthodoxen und Pietisten Strauß in den Ruhestand, womit seine akademische Berufslaufbahn definitiv beendet war. Daraufhin stellte Strauß 1840 bei der vierten Auflage des „Leben Jesu“ die ursprüngliche Fassung weitgehend wieder her.

Wer die neuere Theologiegeschichte verstehen will, wird sich mit dem Strauß’schen „Leben Jesu“ von 1835 auseinandersetzen müssen, wird doch um seinetwillen dieses Jahr das große Revolutionsjahr der modernen Theologie genannt. Darüber hinaus zählt es zur Grundlagenliteratur auch heutiger Jesusforschung, sofern diese die Prinzipien der historischen Methode – Kritik, Analogie und Korrelation – konsequent anwendet. Mag auch die Lösung des synoptischen Problems durch Strauß überholt sein, so hat davon unbeschadet die von ihm angewandte Methode Bestand und die von ihm erzielten Resultate fordern zu weiterer Forschung heraus.

In seiner „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ schrieb Albert Schweitzer: „Als literarisches Werk gehört Straußens erstes Leben-Jesu zum vollendetsten, was die wissenschaftliche Weltliteratur kennt. Über vierzehnhundert Seiten, und kein Satz zuviel; ein Zerlegen bis in die geringsten Details und kein Sichverlieren in Kleinigkeiten; der Stil einfach, reich an Bildern, zuweilen ironisch, aber immer vornehm und würdig.“ Für Schweitzer ist Strauß „nicht nur ein Zerstörer unhaltbarer Lösungen, sondern auch der Prophet einer kommenden Wissenschaft“. Auch Rudolf Bultmann schätzte Strauß’ Werk sehr, weshalb er ursprünglich beabsichtigte, seine „Geschichte der synoptischen Tradition“ dem Andenken dieses umstrittenen Theologen zu widmen. Allein um seiner beruflichen Karriere willen verzichtete er auf Anraten seines Lehrers Wilhelm Heitmüller auf die Realisierung dieses Vorhabens. In neuerer Zeit knüpfte Gerd Lüdemann an Strauß’ psychologische Erklärung der Erscheinungen des Auferstandenen an.

Die neue Ausgabe des epochemachenden Werks „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ enthält sämtliche vier Vorworte der zu Lebzeiten des Autors erschienenen Auflagen. Außerdem wird sie eingeleitet und in den zeitgenössischen Kontext gestellt von Werner Zager.

Mit dem 2009 veröffentlichten Nachdruck „Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung und im Kampfe mit der modernen Wissenschaft dargestellt“ und dem vorliegenden „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ vereinigt die Wissenschaftliche Buchgesellschaft die beiden Hauptwerke von David Friedrich Strauß in ihrem Programm.