Leseprobe aus:

 

Spurensuche: Albert Schweitzer in Rheinhessen

Andreas Pitz / Werner Zager

 

 

Einführung

Am 25. April 1929 war in der Wormser Zeitung zu lesen: "Wir machen noch einmal darauf aufmerksam auf den Vortrag von Prof. Dr. Albert Schweitzer, der am Freitag abend pünktlich 8 ½ Uhr in der Dreifaltigkeitskirche stattfindet: éIm Urwaldspital zu Lambarene'. Alb. Schweitzer befindet sich eben auf einer mehrwöchigen Vortragsreise in Süd- und Mitteldeutschland; er spricht sonst nur in Großstädten: Freiburg, Stuttgart, Karlsruhe, Frankfurt, Wiesbaden und anderen Städten. Er hat für die Lutherstadt Worms sich einen Tag freigelassen. Hoffentlich rechtfertigen nun die Wormser sein Vertrauen, daß er hier eine volle Kirche findet." Dieses in die Wormser Bürgerinnen und Bürger gesetzte Vertrauen wurde nicht enttäuscht, beginnt doch Zeitungsbericht über die Veranstaltung am 26. April 1929 mit folgenden Worten: "In überaus fesselnder Weise hielt am gestrigen Abend in der Dreifaltigkeitskirche, die einen überaus guten Besuch aufwies, Herr Missionsarzt Albert Schweitzer einen Lichtbildervortrag über sein Urwaldhospital in Lambarene. Ohne Gesten, ohne Theatralik, schlicht und ruhig, aber umso eindringlicher erzählte der einstige Professor der Theologie, der Verfasser namhafter religions- und musikwissenschaftlicher Werke, wie er später noch einmal in den Hörsaal zurückgekehrt sei, um Medizin zu studieren, und wie er mit solchem Wissen bereichert, vor dem Kriege hinausgezogen sei nach Aequatorialafrika, um notleidenden kranken und dahinsiechenden Schwarzen Linderung und Heilung zu bringen."

Bis ins Jahr 1929 lassen sich also die Spuren des großen Elsässers in Rheinhessen verfolgen. Wenn auch der damalige Aufenthalt in Worms sich auf einen Vortrag beschränkte, so intensivierten sich seine Kontakte nach Rheinhessen in den 50er Jahren, wovon die einzelnen Beiträge dieses Buches ein eindrucksvolles Zeugnis ablegen.

Nach Nierstein kam Albert Schweitzer zum ersten Mal im Jahr 1951. Bei seinem zweiten Europaaufenthalt nach dem Zweiten Weltkrieg lernte er im Haus des Weinguts Karl Ludwig Schmitt Else Niemöller kennen, die Ehefrau Martin Niemöllers, des ersten Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Von ihr erfuhr Schweitzer, dass ihr Mann ihm "freundlich gesinnt sei", was er wegen seiner "freisinnigen theologischen Anschauungen [...] nicht als selbstverständlich vorauszusetzen gewagt hatte". Diesen wiederum schätzte der liberale Theologe als einen entschiedenen Prediger des Stuttgarter Schuldbekenntnisses der Evangelischen Kirche in Deutschland vom Oktober 1945.

Am 18. September 1951 wurde Schweitzer im Schmitt'schen Anwesen die Prinz-Karl-Medaille für Menschenrechte von Uno Cara Pen (Internationale Gesellschaft für kulturelle Zusammenarbeit) verliehen. Und als begeisterter Organist musste er natürlich bei dieser Gelegenheit auch die Walcker-Orgel in der Oppenheimer Katharinenkirche ausprobieren. Hier begegnete er der Pianistin Elly Ney, die seinem Orgelspiel lauschte. Es folgten weitere Besuche in Nierstein und Oppenheim in den Jahren 1954, 1955 und 1957. Die Lokalzeitung "Landskrone" weiß von spontanen Orgelkonzerten in der Katharinenkirche zu berichten, bei denen die Katharinenorganistin Margarethe Traumüller die Register bediente oder der Cellist Ludwig Hoelscher mitwirkte.

Die Bande der Freundschaft zwischen Niemöller und Schweitzer knüpften sich nach dessem "Appell an die Menschheit" von 1957 und drei weiteren Radioappellen gegen die Atomgefahren von 1958 noch enger, als beide für die weltweite atomare Abrüstung eintraten. Zu Besprechungen traf man sich 1957 in Nierstein und 1959 in Frankfurt am Main. In diesen Kontext gehört auch der briefliche Austausch Schweitzers mit dem im rheinhessischen Gau-Algesheim wohnenden Karl Bechert, Professor für Theoretische Physik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der als der "Vater der Anti-Atom-Bewegung" gilt. Von ihm ließ sich Schweitzer in Atomfragen beraten, nicht zuletzt im Blick auf seine Rundfunkansprachen.

Karl Ludwig Schmitts Patenonkel, Louis Mayer, Bildhauer aus California/USA, hatte Schweitzer 1949 in dessen Heimatort Günsbach im Elsass kennengelernt, woraus sich dann eine Freundschaft entwickelte. Seinen hochbetagten Freund traute der Urwalddoktor am 29. August 1957 mit der Dichterin Dora Hagemeyer in der Dorfkirche in Dolgesheim, in der "Onkel Louis'" Mutter einst getauft und konfirmiert worden war.

Die bei der "Spurensuche: Albert Schweitzer in Rheinhessen" zusammengetragenen Zeugnisse, die in Verbindung mit Begegnungen stehen, die Menschen - sei es als Kinder und Jugendliche, sei es als Erwachsene - mit Albert Schweitzer in Nierstein, Oppenheim und Dolgesheim hatten, sind Ausdruck einer tiefen Menschlichkeit. Sie alle machten Erfahrungen, die sie ein Leben lang in ihrem Denken und Handeln prägten.

An ihnen hat sich Albert Schweitzers Wort erfüllt:

"Gewöhnlich sind in den Menschen alle guten Gedanken als Brennstoffe vorhanden. Aber vieles von diesem Brennstoff entzündet sich erst oder erst recht, wenn eine Flamme oder ein Flämmchen von draußen, von einem andern Menschen her in ihn einschlägt."

Möge die Lektüre dieses Buches dazu verhelfen, dass gute Gedanken ihre Wirkkraft entfalten können - zum Wohle der Menschen und aller Kreatur, für die wir im Sinne der "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" Verantwortung tragen.

Werner Zager