Leseprobe aus:

 

Ulrich Neuenschwander,

Die neue liberale Theologie

 

 

Geleitwort

Beurteilte man vielfach innerhalb der evangelischen Kirche und Theologie bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die liberale Theologie für einen überholten Theologietypus des 19. Jahrhunderts, so sind in den letzten Jahrzehnten hier grundlegende Veränderungen zu beobachten. Wenn auch nach wie vor die meisten Theologinnen und Theologen das Etikett "liberal" eher scheuen, so hat man doch in hohem Maße erkannt, dass es unerledigte Anfragen liberaler Theologie gibt, die zu neuem Nachdenken und Forschen herausfordern.

Was die biblischen Disziplinen betrifft, so hatte man zwar zumindest innerhalb der Bultmann-Schule an der historisch-kritischen Exegese festgehalten. Neu ist nun aber die Fokussierung auf die religionsgeschichtliche Fragestellung, womit Entwürfe zur Religionsgeschichte Israels und des frühen Christentums einhergehen. Bereits ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts durch die "neue Frage" nach dem historischen Jesus angebahnt, erlebt die historische Jesusforschung innerhalb des "third quest" eine neue Blüte. Innerhalb der Kirchen- und Theologiegeschichte ist ein verstärktes Interesse für den Protestantismus des 19. Jahrhunderts wahrzunehmen, speziell für dessen Hauptvertreter Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Albrecht Ritschl, Wilhelm Herrmann, Adolf von Harnack, Ernst Troeltsch und Albert Schweitzer. Die Systematische Theologie hat sich vielfach von einer Wort-Gottes-Theologie und überkommenen dogmatischen Lehrsystemen verabschiedet. Für die Tragfähigkeit der Theologie erweist sich die Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen als unverzichtbar. Und evangelische Ethik und Praktische Theologie können nur Gegenwartsrelevanz für sich in Anspruch nehmen, sofern sie sich in stetem Dialog mit den Human- und Sozialwissenschaften befinden.

Im Blick auf die skizzierte gegenwärtige Lage der Theologie erscheint es daher als unbedingt wünschenswert, dass Ulrich Neuenschwanders 1953 vorgelegte Standortbestimmung "Die neue liberale Theologie" wieder verfügbar ist. Gerade in einer Zeit, in der sich de facto eine Renaissance liberaler Theologie ereignet, empfiehlt es sich, sich Rechenschaft darüber abzulegen, inwieweit heute zu beobachtende theologische Entwicklungen an die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts oder an die neue liberale Theologie des 20. Jahrhunderts anknüpfen, die in der sogenannten "Berner Schule" - d.h. im Umkreis Albert Schweitzers von Martin Werner, Ulrich Neuenschwander und Fritz Buri - entwickelt wurde.

Und zwar nicht etwa deshalb, weil ich der Auffassung wäre, Neuenschwander hätte eine liberale "Normaldogmatik" vorgelegt, die immer noch gültig sei. Er selbst hat ein solches Missverständnis bereits abgelehnt. Worauf es ankommt, ist vielmehr eine heutige theologische Standortbestimmung, die es in Anknüpfung und Widerspruch zur Darstellung der neuen liberalen Theologie durch Neuenschwander zu vollziehen gilt - ähnlich wie Neuenschwander selbst dies gegenüber der alten liberalen Theologie getan hat. Einerseits stellte er die Kontinuität zum alten Liberalismus heraus (wissenschaftliche Redlichkeit, historisch-kritische Exegese der Bibel, Kritik des altkirchlichen Dogmas, religiöse Toleranz und Weltoffenheit), andererseits sah er in dessen "Vertiefung" durch die Erkenntnis der Abgründigkeit der Welt, des Menschen und Gottes eine notwendige Korrektur.

Wenn Neuenschwander sein Buch Albert Schweitzer gewidmet hat, dann kommt darin nicht zuletzt zum Ausdruck, dass dessen Kulturphilosophie für die neue liberale Theologie grundlegend ist. Verdeutlicht sei dies anhand von fünf Punkten:

1. Weltdeutung. Die optimistisch-ethische Deutung der Welt lässt sich nicht durchführen, denn die Natur ist wunderbar-schöpferische und zugleich sinnlos-zerstörende Kraft: "Sinnvolles in Sinnlosem, Sinnloses in Sinnvollem: dies ist das Wesen des Universums." (A. Schweitzer)

2. Geschichtsbild. Die neue liberale Theologie resigniert auch in Bezug auf die Erkennbarkeit einer Teleologie der Geschichte.

3. Lebenssinn. Die Verwirklichung des Gotteswillens in der Welt in der Nachfolge Christi hat ihren Sinn in sich selber. Sie schöpft ihre Kraft nicht aus dem erhofften Erfolg, sondern aus dem Sinn des Daseins, in der Nachfolge die Liebe zu verwirklichen. Wir wissen nicht, was für einen Sinn es für die Gesamtheit des Kosmos und der Geschichte hat, wenn wir Christus nachfolgen. Wir wissen nur, dass wir damit an unserem Ort Gottes Willen tun.

4. Gut und Böse. Der neue Liberalismus lehnt mit dem alten die einseitig negative, pessimistische Deutung des menschlichen Wesens ab. Bei aller vertieften Anerkennung des Bösen und des Verfallenseins an die Sünde kann er die seit der Aufklärung errungenen Einsichten niemals preisgeben.

5. Sünde. Für die neue liberale Theologie ist Sünde mehr als die Schuld und das Böse. Das Böse und die Schuld sind ethische Kategorien, die Sünde aber ist eine religiöse Kategorie. Sie bezeichnet die transzendente Tiefendimension der Schuld und des Bösen. Sünde ist Verlorenheit vor Gott.

Möge der vorliegende Nachdruck von Ulrich Neuenschwanders Buch "Die neue liberale Theologie" dazu ermutigen, liberale Theologie im 21. Jahrhundert zu profilieren. Die Lektüre dürfte immer wieder verdeutlichen, dass die liberale Theologie in hohem Maße Probleme und Fragestellungen zur Sprache gebracht hat, die bearbeitet werden wollen, und vielfach auch Lösungen zumindest angebahnt hat, wo es sich lohnt weiterzudenken.

Frankfurt am Main, im Juni 2011

Werner Zager