Leseprobe aus:

 

Mensch und Mythos,

Im Gespräch mit Rudolf Bultmann

 

1.4.&xnbsp;&xnbsp; Wahrheit und Freiheit des Denkens (S. 12-15)

 

Die unbedingte Verpflichtung auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit sowie das entschlossene Eintreten für die Freiheit des Denkens sind bestimmend sowohl für die menschliche als auch für die theologische Existenz Bultmanns. An einigen Beispielen sei dies aufgezeigt.

Als Theologiestudent nahm Bultmann daran Anstoß, dass die Dogmatiker in der Theologie an überkommenen Lehrsätzen festhalten und nicht fähig sind, die in den historischen Fächern der Theologie erzielten Erkenntnisse fruchtbar zu machen. So schreibt er am 5. Juni 1905 an Walther Fischer:

»Augenblicklich ist mein größter Ärger die Dogmatik. Da brauchen wir wirklich eine Reform. Was wird da noch für ein Unsinn beibehalten von ›Offenbarung‹, ›Trinität‹, ›Wunder‹, ›göttliche Eigenschaften‹, es ist fürchterlich. Und alles geschieht nur zur Liebe der Tradition. Ich habe ja leider im eigenen Hause und in der weiteren Familie Gelegenheit genug zu sehen, mit welcher unglaublichen Zähigkeit die alten Traditionen festgehalten werden, und welches traurige Unheil oft dadurch entsteht. [...] Wenn nicht ein Mensch wie Schleiermacher die ganze Theologie wieder eine Stufe höher hebt, so wird sie sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zersplittern. Denn so großartig die Leistungen in den historischen Fächern sind, so sehr fehlt es doch an einem Geist, der alle Errungenschaften der historischen Theologie umfaßte und systematisch verwertete, der wirklich von Grund aus neue Theologie schaffen würde.«[1]

Als Bultmann wegen des langwierigen Examensvollzugs von Oktober 1906 bis September 1907 an seiner alten Schule in Oldenburg vertretungsweise unterrichtete, war es ihm ein besonderes Anliegen, seine Schüler für die Wahrheit zu begeistern. »Und zu meiner Freude« – konnte er in einem Brief vermelden – »hatte ich schon manchmal Gelegenheit, einen Erfolg zu sehen.«[2]

Den radikalen Willen zur Wahrheit betrachtete Bultmann als zu bewahrendes Erbe der liberalen Theologie seiner akademischen Lehrer, das er in Forschung und Lehre an der Universität zur Geltung brachte. Davon legen die folgenden Ausführungen Erich Dinklers aus dem Jahre 1959 ein beredtes Zeugnis ab:

»Was für uns junge und alte Studenten Bultmanns Vorlesungen und Seminare so anziehend und fruchtbar macht, ist seine unerbittliche Ehrlichkeit dem Text und seine Offenheit auch den überraschenden Fragen der Teilnehmer gegenüber, verbunden mit dem Gespür für unfundierte Klugrederei. Gegenüber effekthaschenden Aphorismen, die in die Diskussion geworfen werden, erhebt sich – nach einem bedenklichen Zug an der Pfeife – die kritische Frage: ›Wie meinen Sie das?‹ Gelegenheit zum Ausweichen gibt es nicht, wohl aber zum Widerspruch. In Vorlesungen wie Seminaren zeigt sich keine Tendenz zur Vollständigkeit der Materialausbreitung, das Besondere ist vielmehr, daß der Hörer hineingezogen wird in eine Denkbewegung, teilnehmen darf an einem wissenschaftlichen Ringen und Verstehen, an philologischem Differenzieren und sachlichem Nuancieren, wobei immer die Kernfrage nach dem Kerygma und dem christlichen Selbstverständnis leitend bleibt.«[3]

Es überrascht daher nicht, dass Bultmann 1969 die Frage Heinz Zahrnts, was der wichtigste Rat sei, den er der jüngsten Theologen-Generation auf ihrem Weg mitzugeben habe, folgendermaßen beantwortete: »[...] 1. sich um allgemeine Bildung zu bemühen, 2. Theologie als Wissenschaft zu betreiben, und im Studium nie fragen, was man mit der Theologie in der Praxis tun kann, sondern einfach nach der Wahrheit zu fragen. Was man auf diese Weise lernt und erfährt, wirkt sich dann in der Praxis von selbst aus.«[4]

Gilt es in der Theologie die Frage nach der Wahrheit ohne Wenn und Aber zu stellen und nach tragfähigen Antworten zu suchen, dann ist Freiheit in Forschung und Lehre unabdingbar. Deshalb wandte sich Bultmann dagegen, dass vor der Berufung eines evangelischen Theologieprofessors der Staat bei der Landeskirchenregierung ein Gutachten über Lehre und Bekenntnis des Betreffenden einzuholen habe. Als nähere Begründung führte er an:

»1.) kann es in der protestantischen Kirche überhaupt keine normierte Lehre und keine behördliche Instanz geben, die die Theologie kontrolliert, und

2.) ist die Kirchenbehörde nicht ›die Kirche‹, zumal wenn in den modernen demokratischen Kirchenverfassungen die Kirchenbehörde von den Synodal-Mehrheiten abhängig ist. Umgekehrt muß die Fakultät, als für Lehre und Bekenntnis der Kirche verantwortlich, die Kirchenbehörden kontrollieren, d.h. in allen Verwaltungsmaßnahmen, die die Lehre betreffen, von der Kirchenbehörde als sachverständig hinzugezogen werden.«[5]

Mit diesen Ausführungen zu Wahrheit und Freiheit des Denkens haben wir bereits die theologische Existenz Rudolf Bultmanns berührt. Das überrascht nicht bei einem Theologen, der zu leben suchte, was er dachte. Doch bevor wir uns explizit der Theologie Bultmanns zuwenden, wollen wir noch die politische Dimension in seinem Leben bedenken.



 

[1] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Rudolf Bultmann, Brief an Walther Fischer vom 5.6.1905, Mn 2-2198, Nachlass Rudolf Bultmann, Universitätsbibliothek Tübingen.

[2] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Rudolf Bultmann, Brief an Walther Fischer vom 22.12.1906, Mn 2-2198, Nachlass Rudolf Bultmann, Universitätsbibliothek Tübingen.

[3] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Erich Dinkler, Rudolf Bultmann als Lehrer und Mensch, in: Kirche in der Zeit. Evangelische Kirchenzeitung, Jg. 14 (1959), S. (257-261) 258.

[4] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Rudolf Bultmann, Antworten auf Fragen von Heinz Zahrnt, 9. Januar 1969 (Typoskript), Mn 2-234, Nachlass Rudolf Bultmann, Universitätsbibliothek Tübingen.

[5] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Rudolf Bultmann, Brief an Martin Heidegger vom 21.1.1931, in: ders. / M. Heidegger, Briefwechsel 1925–1975 (s. Anm. 24), S. (145-150) 148.