Leseprobe aus:

 

David Friedrich Strauß

Die christliche Glaubenslehre

 

 

Zum methodischen Ansatz der „Glaubenslehre“

Wie dem Titel des Werks bereits zu entnehmen ist, bietet Strauß keine Dogmatik im herkömmlichen Sinne. Er führt vielmehr die dogmatische Lehrentwicklung im Laufe der Geschichte des Christentums vor Augen, ohne dabei auf eine Konfession festgelegt zu sein. Ist doch für ihn die konfessionelle Differenz von untergeordneter Bedeutung im Vergleich zum Gegensatz „zwischen dem Standpunkte des christlichen Glaubens überhaupt und dem der modernen Wissenschaft“, wie er seit dem Aufkommen des Rationalismus bestehe. Dabei will Strauß beide Seiten des neuen Hauptgegensatzes in der Dogmatik in fairer Weise mit Argument und Gegenargument zu Wort kommen lassen.

Seine Vorgehensweise beschreibt Strauß mit den folgenden Worten:

„Ich bin der Entstehung und Ausbildung jedes Dogma Schritt für Schritt nachgegangen, habe mich in den Geist der Zeiten und Bewusstseinsstufen, aus denen es organisch hervorgewachsen, zu versetzen gesucht, und das Wahre, Große und Schöne, was ich auf diesem Wege fand, gebührend in’s Licht gesetzt. War ich mit einem Dogma auf der Höhe seiner kirchlichen Ausbildung angelangt, so schloss sich freilich hieran unmittelbar die weitere Aufgabe, in dieser höchsten Reife die Keime des Verfalles zu entdecken, und diesen sofort durch die Stadien seines Verlaufes bis auf die Gegenwart herunter zu verfolgen; zuletzt aber galt es noch, scharf zuzusehen, um nicht einen neuen Anstrich des alten Gebäudes mit wirklicher Reparatur desselben zu verwechseln.“

Methodisch verfährt Strauß also so, dass er nach systematischer Reihenfolge sämtliche Hauptstücke der christlichen Apologetik und Dogmatik durchmustert. Bei jedem stellt er zunächst den biblischen Befund dar. Danach zeigt er, wie sich daraus die Lehrbestimmungen der alten, der mittelalterlichen und der protestantischen Kirche herausbildeten, was meist erst nach längerem Schwanken und unter Ausscheidung als häretisch verworfener Lehrmeinungen erfolgte. Daraufhin führt er die an der kirchlichen Glaubenslehre geübte Kritik vor, die von den Sozinianern, Arminianern, Deisten und Rationalisten und in neuester Zeit von Schleiermacher und Hegel ausgegangen ist. Aus der Prüfung der Versuche, diese Kritik zu widerlegen oder zumindest teilweise zu entkräften, resultiert schließlich das Ergebnis, wie viel von dem jeweiligen Glaubensartikel sich gegenüber der modernen Wissenschaft halten lässt.

Sowohl was die Ausbildung eines Dogmas als auch dessen Kritik betrifft, beansprucht Strauß, „nur Gegebenes zusammenzufassen“. Dies entspricht seiner Intention, die er mit seiner „Glaubenslehre“ verfolgt, nämlich für die Theologie die Bilanz zu ziehen, so wie ein Kaufmann für sein Geschäft eine Bilanz aufstellt. Eine Übersicht über den dogmatischen Besitzstand zu geben, hält er für dringend erforderlich, da die meisten Theologen sich „hierüber die größten Illusionen“ machten. So geht es also Strauß bei der Kritik der einzelnen christlichen Glaubenssätze nicht um Originalität, sondern darum, die im Laufe der Geschichte geäußerte Dogmenkritik zu erheben und systematisch darzustellen.

Oder mit Strauß’ eigenen Worten: „Es ist nämlich dieser kritische Process nicht erst von den heutigen Theologen zu veranstalten, sondern er liegt in der ganzen Entwicklungsgeschichte des Christenthums, speciell der Dogmengeschichte, bereits vor, und der jetzt lebende Theologe hat ihn blos begreifend zusammenzufassen. […] Die wahre Kritik des Dogma ist seine Geschichte.“

(aus: Einführung. 3. Absatz)