Leseprobe aus:

Wachen und Träumen
Märchen von Rudolf Bultmann

 

Das Traum-Märchen

Es war einmal eine Prinzessin, die lebte im Sonnenschloss und spielte mit Brüdern und Schwestern auf der Sonnenwiese. Da pflückten sie Blumen und banden Kränze, sangen und tanzten und waren vergnügt. Aber eines Morgens war die Prinzessin traurig; ihre Augen blickten trübe, und sie saß still am Brunnenrand und wollte nicht mit den anderen spielen. Da sprachen sie zu ihr: „Was hast du, Schwester, und warum blickst du so traurig?“

Sie aber schaute nicht auf, sondern sah nur, wie der Wasserstrahl in die Brunnenschale floss und ließ ihn sich über die Hand rieseln und sagte: „Ach, lasst mich!“

Aber als sie immer weiter in sie drangen, sagte sie: „Heute Nacht, als der Vollmond schien, wachte ich auf und setzte mich auf die Fensterbank und schaute hinaus. Da sah ich, wie weit unten die Mondstrahlen auf einen großen Wald schienen, und als ich hinunterschaute, hörte ich aus dem Wald herauf eine Stimme wie ein Weinen. Das klang so traurig, dass ich immer daran denken muss. Wer ist es, der nachts so traurig weinte im finsteren Wald? Ich möchte hinab und ihm helfen.“

Da sprachen sie zu ihr: „Ach, vergiss es doch, und sei wieder fröhlich! Sonnenkinder schlafen des Nachts, und sie wandern nicht in finstere Wälder! Komm wieder und spiele mit uns!“

Aber sie wollte nicht; und als die anderen wieder auf der Sonnenwiese tanzten und sangen, ging sie hinauf in ihr Zimmer, setzte sich auf die Fensterbank und schaute hinaus. Aber jetzt flimmerten über der ganzen Welt unten die Sonnenstrahlen, dass es wie ein goldener Schleier darüber lag, und von dem Walde war nichts zu sehen als ein dunkler Schimmer wie von einem dunkelgrün-goldenen Teppich.

Vor dem Fenster aber im Garten blühten die Sonnenblumen, und die Bienen summten herum und suchten Honig in ihren großen goldgelben Blüten. Als aber die Prinzessin sich mit ihrem goldenen Haar zum Fenster hinauslehnte, kam eine Biene geflogen, die meinte, es sei auch eine Sonnenblume, aus der sie Honig holen könne. Und als sie verwundert um das goldene Haar summte, sagte die Prinzessin: „Bienlein, du fliegst in der weiten Welt herum! Kannst du mir nicht sagen, wer heute nacht so traurig im Walde dort unten geweint hat?“

„Prinzessin, nein“, sagte die Biene, „wir fliegen nur bei Tage im Sonnenschein; und im finsteren Wald bin ich noch nie gewesen. Aber wenn der Wind vorüberkommt, so frage den; der wird es wissen; der saust auch bei Nacht durch die Wälder.“

So musste die Prinzessin warten, bis eines Tages der Wind ans Schloss fuhr. Da machte sie schnell ihr Fenster auf und rief hinaus: „Wind, Wind! Du sausest auch bei Nacht durch die Wälder! Kannst du mir nicht sagen, wer des Nachts im Walde dort unten geweint hat?“

Der Wind aber lachte und sagte: „Prinzessin, nein; ich sause so schnell durch die Bäume, dass ich keine Zeit habe. Ich knicke die dürren Zweige und werfe die Tannenzapfen herunter und zause den Bäumen das Haar. Ich höre wohl, wie die alten Bäume stöhnen und schelten, und wie die Eulen schreien; dann freue ich mich und lache. Aber sonst habe ich nichts gehört. Aber frage den Mond; der scheint mit seinen Strahlen bis tief in den Wald hinein; der wird es wissen.“

So musste die Prinzessin warten, bis wieder der Vollmond schien. Und als er wieder klar und silbern am Himmel stand, saß sie wieder auf der Fensterbank. Und als sie wieder den leisen traurigen Klang wie ein Weinen hörte, da sprach sie: „Ach, Mond! Du scheinst mit deinen Strahlen bis tief in den Wald hinein. Kannst du mir nicht sagen, wer dort unten so traurig weint?“

„Prinzessin, ja“, antwortete der Mond, „das kann ich wohl. Dort unten im Walde sitzt ein Prinz, den eine böse Hexe verzaubert hat. Nur immer, wenn ich voll am Himmel stehe, ist er frei. Dann sitzt er im Traumwald unter der alten Tanne und klagt, weil niemand kommt, ihn zu erlösen.“

„Wer kann ihn denn erlösen?“, fragte die Prinzessin.

„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur: Es muss jemand kommen und mit ihm durch die Sonne wandern, bis ich wieder voll am Himmel stehe. Wenn er von einem Vollmond bis zum andern nicht wieder von der Hexe gefangen wird, dann ist er ganz frei.“

„Danke, lieber Mond!“, rief die Prinzessin, und nun wusste sie, was sie tun wollte.

Am andern Tage machte sie sich heimlich auf. Auf der Sonnenwiese pflückte sie sich Margeriten, band einen Kranz und setzte ihn aufs Haar. Dann machte sie sich auf den Weg und wanderte über Berg und Tal zu dem großen Wald. Wo sie durchkam, gaben ihr die Leute zu essen und zu trinken, weil sie so lieblich aussah und so freundlich war. Zuweilen schlief sie nachts bei Bauersleuten auf der Streu, und zuweilen schlief sie auf einer Wiese unter einem Baum. Die Margeriten aber von der Sonnenwiese blieben immer frisch und leuchtend.

Endlich, als es wieder Vollmond wurde, kam sie zum Traumwald. Jetzt war es ganz dunkel; aber als der Mond über einen hohen Berg heruntergekommen war, schienen seine silbernen Strahlen tief in den Wald hinein, dass es dort gar nicht mehr finster war, sondern überall auf dem Boden und an den Stämmen helle Streifen und Flecken lagen. Da machte sich die Prinzessin auf, in den Wald hineinzugehen ...